29.12.2009

 

Zeitarbeiter

An manchem Morgen, ehe er ins Studio ging, wurde das Gefühl, alles hinschmeißen zu wollen, beinah übermächtig. Wie ein Hammer erschütterte ihn seine eigene Bedeutungslosigkeit, die Mühe, die Treppen bis zu seinem Auto herab zu laufen, den Zündschlüssel zu drehen und die 30 Minuten durch die noch schlafende Stadt bis ins Studio zu fahren, legte sich um ihn wie ein schlammiges Wasser. Sein Auto schwamm träge durch den Straßenverkehr und er war versucht in einem Moment der Unachtsamkeit dem Lenkrad einen kaum merklich Dreh zu geben, um den Wagen gegen eine Laterne oder gegen einen der zahlreichen Brunnen zu steuern: es ging ihm weniger darum, seinem Leben mit solch einer Aktion ein Ende zu setzen (der Gedanke hatte eine gewisse Verlockung, aber nicht sehr und nicht sehr lang…), als vielmehr, ihn mit einem Knall aufzuwecken und mit großem Geschrei der Passanten, rund um das in den Brunnen verkeilte Auto und die geborstene Frontscheibe und seinen kahl werdenden Kopf, aus dem langsam das Blut aus einer oberflächlichen Risswunde pumpte, während er noch benommen über das Lenkrad gekauert in seinem Fiat lag. Im Grunde war er ein Feigling, und daher lag ihm der Selbstmorde fern. Es fehlte ihm dafür der Glauben an die Größe seiner Seele, die er sich eher dünn und ausgezerrt, eingerollt in einem Winkel seines Herzens vorstellte und die ihn ebenso lustlos verlassen würde, wie sie ihn lustlos bewohnt hatte und mit ihren zaghaften Impulsen bald in diese, bald in jene Richtung getrieben hatte, immer unerbittlich, aber auch immer nur mit schwachen, zittrigen, ansetzenden und wieder abbrechenden Stößen. Montags morgens vor allem, dachte er, sie würde von dem Geräusch von krachendem Blech wenigstens für einen Augenblick aufgeschreckt.

Am Ende gelang es ihm, den Wagen unfallfrei durch den montag-morgens-Verkehr zu steuern. Er stellte den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Studio ab und ging in das neben dem Parkplatz liegende Kaffee. Er trank seinen Espresso und sah abwechselnd sein Gesicht zwischen den Flaschen im Spiegel hinter der Bar, und wen es ihm langweilig wurde und er genug von sich hatte dann sah er hinaus auf den Parkplatz und die aufsteigende Sonne und wie das Licht in alle Winkel kroch und wieder damit begann, den Asphalt aufzuheizen und die wenigen Momente der Kühle des Morgens verscheuchte.

„Geh weg Mond, das hier ist meine Welt. Und wenn du wach bist, dann wollen nur alle schlafen. Du bist offenbar einer der größten Langeweiler der Menschheitsgeschichte.“ „Wenn ich wach bin, dann sind nur die interessanten Menschen wach. Die Diebe und Mörder und die Liebenden, den verfluchten Trinkern blinzle ich mit meinem einen Auge Trost zu, wenn der Mann im Schatten wie ein Verhängnis über das Mädchen kommt, decke ich mich mit einer Wolke zu. Ich bin nicht schlechter als Du, ich halte es nur nicht den ganzen Monat aus.“

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