Notizen vom Rand der Couch

Prousts Notizbuch

Morgens

Er erwachte morgens mit einem flachen, silbrig glänzenden Gegenstand der aus seiner Seite, eine Hand breit unterhalb des rechten unteren Rippenbogens einige Zentimeter herausragte. Er verspürte keinerlei Schmerzen. Die Ränder, an denen der Gegenstand in sein Fleisch eingedrungen waren, waren auch in keiner Weise blutig oder entzündet, statt dessen schien seine Haut glatt und weich und beinah ohne Übergang in diesen Gegenstand überzugehen. Er konnte sich nicht erklären, wie dieser Gegenstand an diese Stelle und an ihn oder in ihn herein geraten konnte. Er erwog einen Moment lang, einen Arzt deswegen aufzusuchen, verschob diesen Gedanken allerdings auf den nächsten Tag, als er in seinen Kalender sah und dort einige wichtige geschäftlich Besprechungen entdeckte, die seiner Anwesenheit unbedingt bedurfte. So gut es eben ging zog er ein Hemd und einen Sacko über diesen Gegenstand an und als er sich im Spiegel betrachtete, so sah man kaum mehr als eine leichte Ausbuchtung an seiner rechten Seite, die beinah gar nicht sichtbar war, wenn er den Arm leicht hob und die Handfläche nach außen drehte, so als wollte er einem wichtigen Punkt hinweisen, der offenbar auf der Hand lag, wenn er auch nicht für alle sichtbar war. Er nahm seine Aktentasche und einen leichten Sommermantel, den er sich über den Arm legte, da die Sonne zwar zaghaft und unbeständig schien, jedoch für einen Moment eine ungewohnte, frühlingshafte Wärme verbreitete. So gewappnet verließ er das Haus, um ins Büro zu fahren.

Verlorene Zeit

Nur meine In-die-Laken-Versunkenheit nimmt Proustsche Züge an….

Das Offensichtliche

Woher hab ich das bloß: “All we ever know is the obvious”. Geht mir nicht aus dem Kopf, ist aus irgend einem Song. Hab’s im Ohr, komm nicht drauf. Passt heute irgendwie.

Das Ding im Schrank

Jeder wusste von dem Ding im Schrank. Oder vermutete irgendwas. Oder hatte es auf dem Gang irgendwo von irgendwem gehört. Niemand wusste irgendwas genaues, deswegen redete niemand darüber. Gespräche verstummten, wenn jemand dazu kam, nur hinter vorgehaltener Hand spekulierten einige darüber, was in dem Schrank steckte.

„Was sollen wir denn tun? Der Chef weiß sicher von dem Ding im Schrank. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nicht davon weiß. Ich kann da nicht einfach rein marschieren und irgendwas von einem Ding im Schrank erzählen. Das bringt doch nichts.“ Letzten Freitag holte sich das Ding im Schrank Seligman aus der Rechtsabteilung. Montags kam Seligman nicht zur Arbeit. Es wurde nicht viel geredet, aber alle wussten, dass ihn das Ding geholt hatte. Mittwoch war er schon ersetzt durch einen Typen namens Manichel, groß, still, teigiges Gesicht mit kleinen Augen, sprach nicht viel, hielt sich abseits, donnerstags war Seligman bereits vergessen und niemand redete drüber, weil jeder Angst hatte, dass das Ding ihn als nächstes holen würde.

  • Ich habe das Ding gesehen.
  • Nein, wann? Niemand hat das Ding bis jetzt gesehen.
  • Gestern abend.
  • Nicht wahr.
  • Wenn ich es Dir sage. Ich war noch länger im Büro, du weisst, der Zuckertort-Bericht, der Chef grillt mich, wenn der Bericht nicht bis zum Ende der Woche auf seinem Schreibtisch liegt. Ich saß also noch über den Zahlen des vierten Quartals, die Berichte aus S. sind wenig aussagekräftig, beinah jede Zahl muss ich nachkontrollieren, ich weiß nicht, wie ich das alles noch schaffen soll…
  • Das Ding?
  • Ich saß also im Büro, es war spät, ging auf die neun zu, da hörte ich ein Schlurfen auf dem Gang.
  • Schlurfen? Kann jeder gewesen sein, die Putzfrau? Die sind auch bis spät abends noch unterwegs.
  • Neinnein, ein Schlurfen, dann schlug eine Tür, ich glaube es war das Büro von Steinitz nebenan aus der Rechtsabteilung, dann hörte ich einen Wortwechsel, man hört ja beinah jedes Wort durch die Wände, schauderhaft, ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen seit wir vor zwei Jahren umgezogen sind und man das Gemurmel aus allen Büros hört, ich weiß nicht, wie man bei so was arbeiten soll.
  • Und?
  • Und dann ein Geräusch, als wäre etwas zu Boden gefallen und dumpfe Geräusche wie von Schlägen. Ich ging auf den Gang raus, um Nachzuschauen, was da los ist. Das Licht war aus, der Bewegungsmelder funktionierte mal wieder nicht, es war dunkel bis auf das Leuchten des Schildes für den Notausgang. Dann kam es aus Zuckertorts Büro raus.
  • Was?
  • Das Ding aus dem Schrank.
  • Woher willst du wissen, das es das Ding aus dem Schrank war? Es war dunkel, könnte irgendwer gewesen sein, vielleicht die Lasker aus der Buchhaltung, die hab’ ich schon öfter mit Steinitz gesehen, man munkelt sogar, die haben was miteinander. Vielleicht haben sie sich gestritten.
  • Ich weiß, was ich gesehen habe. Es war groß.
  • Und dann?
  • Es schlich durch den Gang, hin zu den Konstruktionsbüros, hinter sich schleifte es Steinitz am Kragen, er sah bleich aus aber ich glaube, er atmete noch. Dann verschwand es in dem Büro von Tarrasch, die Tür ging zu und alles war still.
  • Nicht wahr!
  • Wenn ich es dir sage. Ich habe das Ding gesehen und es hat Steinitz geholt. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.
  • Und dann?
  • Ich bin in mein Büro zurück. Ich hatte eine Scheißangst. Ich hatte Angst, dass es mich auch gesehen hatte, aber es hatte sich nicht umgedreht, es war nicht mal besonders vorsichtig, es schien ihm überhaupt nichts auszumachen, wenn ihn irgendjemand sehen konnte, wie er Steinitz holte.
  • Ich glaub’s nicht. Steinitz!
  • Und Steinitz war heute morgen nicht in der Kantine. Er sitzt morgens immer in der Kantine und liest Zeitung, es ist egal wann man morgens in die Kantine kommt, er sitzt da und liest Zeitung und trinkt in aller Seelenruhe seinen Kaffee und heute morgen war er nicht da.
  • Weil das Ding ihn geholt hat.
  • Wenn ich’s dir sage. Ich hab’ es gesehen.

Ich glaubte ihr kein Wort. Sie erfand gerne solche Sachen, um sich wichtig zu machen. Immer erzählte sie von den Projekten aus S. oder aus T., als wüsste sie über diese Projekte etwas, was man uns anderen verheimlichen will. Sie machte ein bedenkliches Gesicht und schilderte ausschweifend, dass S. Lieferschwierigkeiten hatte, die das Projekt zum Stillstand bringen würden und letztendlich, so sagte sie, wäre das Projekt unvermeidlich zum Scheitern verurteilt.