Ich habe Fieber vom Mann ohne Eigenschaften. Kaltes Fieber ohne Temperatur, es ist nichts zu messen, aber ich weiß, es ist da und ich weiß woher es kommt.
Kaufen!
Jetzt nicht anfangen, mir moralisch zu kommen und irgendwas davon zu faseln, dass hier Grenzen überschritten werden: Diese Stimmen, die gegen den Kauf dieser CD wettern haben doch nur Angst um ihren eigenen Arsch oder den Arsch ihrer Kollegen, die sie finanzieren oder bei denen sie nach ihrer Politiker-Karriere unterkommen wollen. Kaufen! Jeder soll vor jedem Angst haben, niemand ist sicher und am Ende ist es so wie in diesen Gangsterfilmen, bei denen zehn Leute einen Bankraub begehen und sich am Ende dabei umbringen, sich die Beute abzujagen. Du kannst niemand trauen in dieser Welt, in der Gier der einzige Motor ist: Der Kauf dieser CD ist ein schönes Signal, dass die Politik dass jenseits aller Sonntagsreden über die Verantwortung des Unternehmers eine tiefe Einsicht in diesen Mechanismus hat.
PS: Und ich darf das nicht sagen, wo ich gestern nacht noch Angriff auf die Freiheit gelesen habe. Da müsste man dann eigentlich mehr auf den Datenschutz bedacht sein und auch Banker für echte Menschen halten, die nicht automatisch ihre Bürgerrechte verwirken, wenn sie mehr als 1 Mio. Steuern hinterziehen. Man soll nicht von braven Bürgern und Terroristen reden, so als wären Terroristen schon a priori aller Bürgerrechte verloren gegangen. Und man soll nicht von Bürgern und Millionären reden, so als würde man verschiedenen Spezies reden. Reicht es denn nicht, dass die legalen Möglichkeiten Geld zu verdienen unmoralisch sind?
28.01.2010
Scale down
Heute hab ich meinen iPod gelöscht. 60GB Musik, poof. Tat gut. Neuer Rechner, neue Synchronisation. Weniger Musik hören ist gut. Aufhören, Clips und Durcheinander zu hören. Ich höre jetzt nur noch LPs. Erinnert sich noch irgendjemand daran, was Langspielplatten sind? Diese Dinger mit zwei Seiten und einem Cover, über dem man mehrere Stunden brütete, bis man noch die letzte Sidenote gelesen hatte? Und alle Songs waren immer in derselben Reihenfolge, bis man sich genau gemerkt hatte, welcher Song nach welchem anderen Song kam? Erinnert sich noch irgendjemand?
Ich jedenfalls erinnere mich nicht mehr. Shuffle ist eine böse Erfindung von Apple und auch dieser Genius-Mix, der in iTunes ist, ist eine Erfindung des Teufels, der uns die Musik verleiden will. Wenn man keine Zeit hat, sich darüber Gedanken zu machen, welchen Song man als nächstes hören will, dann sollte man…. Keine Musik hören. Tatsächlich ist das eine Alternative zu Immer-und-überall-Musik-hören. Weniger Musik hören ist aber schon mal ein Anfang. Nur LPs hören:
- Yardbirds: Roger the Engineer, mit dem angeblich ersten psychedelischen Rocksong “Happenings Ten Years ago”, aber vor allem wegen des typischen Jeff Beck-Sounds und weil die Yardbirds die beste weiße Bluesrockband der Zeit waren (besser als die Stones…)
- Frank Zappa: Studio Tan. Hatte ich erwähnt, dass ich alle zwei Jahre eine ganzganz schlimme Zappaphase habe? Ganz schlimm. Ich höre dann nichts anderes außer Zappa, morgens mittags abends und durchstreife das Netz nach obskuren Bootlegs und der 33 Version von “The torture never stops”. Nach spätestens zwei Wochen ist der Spuk wieder vorbei und ich kann Zappa nicht mehr hören und lösche alles wieder bis in zwei Jahren.
- Hal Galper:The Guerilla Band – danke an iTunes für den langen Schwanz von Alben, die schon längst nicht mehr aufgelegt werden, aber irgendwer hat sich bei itunes dann doch die Mühe gemacht, diese schwer aufzutreibenden Schätzchen zu digitalisieren. Ich wollte unbedingt e-piano spielen, als ich mit 16 zum ersten Mal “Figure Eight” gehört hatte. Die Platte hatte ich damals beim Ausverkauf in einem Bettwäsche-Laden gefunden. Ich hab bis heute nicht verstanden, warum sie in einem Bettwäsche-Laden Platten verkauft haben, aber hier hab ich meine ersten Jazz-Alben gekauft: Einen dicken, schwarzen, leicht angemackten Schuber mit Live-Aufnahmen von Albert Ayler(fand ich scheußlich), Oscar Peterson(nett..), Jay Jay Johnson(cool bis zur totalen Unauffälligkeit), John Coltrane (nicht verstanden) und eben dann auch diese Platte für 99 Pfennig in einem Schwung von 5 anderen Platten, die ich schon längst weggeschmissen und vergessen habe…
- Hope Sandoval&The Warm Inventions: Through the Devil Softly; eine der morbideren und interessanteren Singer/Songwriterinnen, die jetzt gerade so angesagt sind. Ein bisschen lässig und ein bisschen dunkel und ein bisschen böse und mit das Beste, was man hören kann, wenn gerade die Sonne untergeht…
- und dann gibt’s ja auch noch den Ostbahnhof
Und sonst ist nix auf dem ipod. Schön. Und die Regel ist: Einer geht rein, ein anderer geht raus. Keine neuen Lieder, wenn keine alten gelöscht werden. So ist die Regel.
29.12.2009
Büro Büro
Ich arbeitet in einem Büro, das etwas außerhalb der Stadt in einen Steinbruch hinein gebaut war. Ich hatte das Gefühl von größter Wertschätzung bei gleichzeitiger menschenverachtender Überwachung: die Arbeitsplätze waren in Terrassen übereinander angeordnet und man konnte jederzeit den Leuten der weitere unten liegenden Terrasse auf den Schreibtisch und den Bildschirm gucken. Zwischen den Terrassen verliefen Laufwege, auf denen die Vorarbeiter patrouillierten. Über uns waren nur stellenweise im Wind flatternde Zeltbahnen gespannt, die den Küchenbereich markierten oder die Toiletten. Die Sonne schien immer und ich fing hier ein Verhältnis mit der Büroleiterin an.
An einem Tag kam ich zur Arbeit und fand das gesamte Freiluftbüro in eine riesige Baustelle verwandelt. Die Leute liefen mit ihren Laptops hin und her und wussten nicht mehr, wohin sie sich zur Arbeit setzen konnten. Über der Grube thronte ein riesiger Kran, der immer wieder große Brocken Erde herausriss: Unter dem Führerhäuschen war eine durchsichtige Kuppel angebracht, von der aus man die gesamte Grube übersehen konnte. Der Kran fuhr auf Schienen am Rande der Grube entlang und unter ihm sauste die Kuppel wie ein Weberschiffchen zwischen den Gesteinsbrocken entlang. Die Baustelle verwandelte das ganze Büro in ein Provisorium: Ich suchte mit meinem Laptop unter dem Arm nach einer Stelle, wo ich mich setzen konnte, aber ich verlegte den Laptop bald, als ich nach den Toiletten suchte. Es gab die Toilettenhäuschen nicht mehr, für die Männer gab es nur noch ein flaches Becken, um das beinah permanent unglaublich viele Männer zum Pinkeln versammelt waren – als ich mich bis nach vorne durchgedrängelt hatte, bespritzte ich andere und andere bespritzen mich, bis meine Hose ganz feucht war.
Ich benutzte das Chaos auf der Baustelle dazu, der Büroleiterin aus dem Weg zu gehen. Später traf ich sie im Büro des Chefs, auf dem Boden seines Büros lag ein weißer Flokati und er hatte eine eckige weiße Ledercouch und an der weißen Wand hingen runde Bilder, die nichts außer Weiß zeigten. „Ich bin sehr von deiner Arbeit überzeugt. Es ist sehr wichtig, dass wir fertig werden. Es ist sehr wichtig, dass du arbeitest und […] berichtete mir, dass du heute nicht gearbeitet hast.“ Ich zog mich dann mit der Büroleiterin zurück und versprach ihr, dass wir uns nach dem Essen wieder in der Nähe der Kantine treffen würden. Wir trafen uns gleich nach dem Essen und verschwanden aus den Büros und ich arbeitete den ganzen Nachmittag über nicht mehr und ich wusste, dass sie mich wieder beim Chef anschwärzen würde.
Zeitarbeiter
An manchem Morgen, ehe er ins Studio ging, wurde das Gefühl, alles hinschmeißen zu wollen, beinah übermächtig. Wie ein Hammer erschütterte ihn seine eigene Bedeutungslosigkeit, die Mühe, die Treppen bis zu seinem Auto herab zu laufen, den Zündschlüssel zu drehen und die 30 Minuten durch die noch schlafende Stadt bis ins Studio zu fahren, legte sich um ihn wie ein schlammiges Wasser. Sein Auto schwamm träge durch den Straßenverkehr und er war versucht in einem Moment der Unachtsamkeit dem Lenkrad einen kaum merklich Dreh zu geben, um den Wagen gegen eine Laterne oder gegen einen der zahlreichen Brunnen zu steuern: es ging ihm weniger darum, seinem Leben mit solch einer Aktion ein Ende zu setzen (der Gedanke hatte eine gewisse Verlockung, aber nicht sehr und nicht sehr lang…), als vielmehr, ihn mit einem Knall aufzuwecken und mit großem Geschrei der Passanten, rund um das in den Brunnen verkeilte Auto und die geborstene Frontscheibe und seinen kahl werdenden Kopf, aus dem langsam das Blut aus einer oberflächlichen Risswunde pumpte, während er noch benommen über das Lenkrad gekauert in seinem Fiat lag. Im Grunde war er ein Feigling, und daher lag ihm der Selbstmorde fern. Es fehlte ihm dafür der Glauben an die Größe seiner Seele, die er sich eher dünn und ausgezerrt, eingerollt in einem Winkel seines Herzens vorstellte und die ihn ebenso lustlos verlassen würde, wie sie ihn lustlos bewohnt hatte und mit ihren zaghaften Impulsen bald in diese, bald in jene Richtung getrieben hatte, immer unerbittlich, aber auch immer nur mit schwachen, zittrigen, ansetzenden und wieder abbrechenden Stößen. Montags morgens vor allem, dachte er, sie würde von dem Geräusch von krachendem Blech wenigstens für einen Augenblick aufgeschreckt.
Am Ende gelang es ihm, den Wagen unfallfrei durch den montag-morgens-Verkehr zu steuern. Er stellte den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Studio ab und ging in das neben dem Parkplatz liegende Kaffee. Er trank seinen Espresso und sah abwechselnd sein Gesicht zwischen den Flaschen im Spiegel hinter der Bar, und wen es ihm langweilig wurde und er genug von sich hatte dann sah er hinaus auf den Parkplatz und die aufsteigende Sonne und wie das Licht in alle Winkel kroch und wieder damit begann, den Asphalt aufzuheizen und die wenigen Momente der Kühle des Morgens verscheuchte.
„Geh weg Mond, das hier ist meine Welt. Und wenn du wach bist, dann wollen nur alle schlafen. Du bist offenbar einer der größten Langeweiler der Menschheitsgeschichte.“ „Wenn ich wach bin, dann sind nur die interessanten Menschen wach. Die Diebe und Mörder und die Liebenden, den verfluchten Trinkern blinzle ich mit meinem einen Auge Trost zu, wenn der Mann im Schatten wie ein Verhängnis über das Mädchen kommt, decke ich mich mit einer Wolke zu. Ich bin nicht schlechter als Du, ich halte es nur nicht den ganzen Monat aus.“
Geheimnis des Glaubens
Ich erinnere mich noch an mein Kommunions-Arbeitsbuch. Es war gelb. Es gab ein Spiel darin, wo man die Gegenstände des Abendmahls aus einem Pappkarton ausschneiden musste und in ein Blatt einkleben musste, auf dem ein lächelnder Jesus die Arme ausgebreitet hatte, um rings um ihn angeordnete Leerstellen zu umarmen. Ich erinnere mich, dass ich mit meinem Kleber eine Riesensauerei veranstaltetet und das Brot dahin klebte, wo der Kopf von Petrus hätte sein sollen und den Becher mit dem Wein in den Abfall warf und ich hatte die Klebe überall hingeschmiert, dass ich die Seite fast auseinander riss, als ich sie dem Pfarrer zeigte. Er schüttelte den Kopf und ging weiter zum nächsten Kind und im Grunde genommen war‘s das mit mir und dem Geheimnis des Glaubens und der katholischen Kirche. Aber ich trat erst zwanzig Jahre später aus der Kirche aus, bis in meine dreißiger verfolgte mich der lange Arm meines schlechten Gewissens und die Angst, in die Hölle zu kommen, wenn ich dem Papst nicht zumindest mein Geld gebe. Das Geheimnis des Katholizismus: Ich glaubte viel länger an die Hölle, als ich an Gott glaubte.
